Das Automobil ist eine Definition der Vergangenheit


Interview mit Frank M. Rinderknecht, CEO von Rinspeed

Mobilitätstrends werden unser zukünftiges Stadtbild stark verändern. Selbstfahrende Autos, vollgestopft mit kurzlebigen IT-Komponenten, sollen Verkehrsprobleme in städtischen Gebieten lösen helfen. Zu diesem Zweck hat Rinspeed um sein neuestes Konzeptauto, den „Snap“, ein ausgeklügeltes und beispielloses Mobilitäts-Ökosystem entworfen. Zum einen lässt sich so veraltete Software schnell ersetzen, zum anderen verfolgt Rinspeed-Geschäftsführer, Frank M. Rinderknecht, ein ganz anderes Konzept mit dem Rinspeed Snap, welcher sich auch immobil nutzen und ins Stadtbild integrieren lassen soll. Möglich wird das durch die Trennung des High-Wear-Chassis („Skateboard“), also dem Unterbau des „Fahrzeugs“, von einer langlebigen Passagier-Sicherheitszelle („Pod“), die auch immobil für verschiedene Zwecke genutzt werden kann. Die Einsatzmöglichkeiten sind dabei so vielfältig wie die Nutzer des Rinspeed Snap-Ökosystems.

Next Drive: Herr Rinderknecht, was ist das spannendste an Ihrem Job?

Frank M. Rinderknecht: Was mich fasziniert, ist, dass ich unheimlich viel lernen kann. Ich bekomme Einblick in neue Gebiete. Es ist eine ständige Veränderung da von den Aktivitäten, die sich faszinierenderweise auf den gesamten Globus verteilen. Mit spannenden Leuten, mit anderen Mentalitäten und Kulturen. Aber ich finde, das ist ja genau das herausfordernde im Leben, die Horizonterweiterung und aus dem Gesehenen, Gelesenen oder Gehörten auch wieder neue Ideen zu entwickeln.

Next Drive: Sie schreiben auf Ihrer Website “Rinspeed – forty years of Start-up philosophy and history”. Glauben Sie, dass Unternehmen sich sozusagen Ihren „Start-up-Geist“ bewahren sollten, also immer bereit sein müssen, sich neu zu erfinden, um in Zukunft bestehen zu können?

Rinderknecht: Ja, das ist völlig richtig. Heute herrscht die falsche Wahrnehmung vor, dass ein Start-up jung sein muss. Vielleicht, weil man mit zunehmendem Alter auch sicherheitsbewusster wird. Aber Ideen und Erfindungen gab es auch vor dem Start-up-Hype, den wir heute haben. Wir wollen uns jeden Tag neue Fragen beantworten. Viele Menschen oder auch Industrien verharren jedoch in alten Gewohnheiten – ganz nach dem Motto „was wir heute so gemacht haben, das machen wir auch morgen so“. Das ist ein Thema, das gerade die Automobilindustrie sehr stark beschäftigt und beschäftigen wird. Sie muss ausgetretene Pfade verlassen und eher nach der Prämisse „geht nicht, gibt es nicht“ verfahren. Bei den starren Prozessen in großen Unternehmen geht die Innovationsfähigkeit und Kreativität jedoch häufig verloren. Das verleitet viele Unternehmen dazu, gewisse Prozesse und Fähigkeiten nach außen zu verlagern, zum Beispiel, indem sie in Start-ups investieren. Aus meiner Sicht ist das jedoch eher eine Symptombehandlung und löst das Problem nicht an der Wurzel.

Next Drive: Sie entwerfen und bauen mit Ihrem Unternehmen innovative Concept Cars. Zum Beispiel den so genannten „Rinspeed Snap“, den Sie nicht mehr als Fahrzeug bezeichnen, sondern als „einzigartiges und disruptives Öko- und Mobilitätssystem“. Was genau muss ich mir darunter vorstellen?

Rinderknecht: Nun, die Menschen denken heutzutage noch in bestimmten Kategorien wie z. B. in Vehikeln, die einem bestimmten Zweck dienen. Ich spreche hier ganz bewusst nicht von einem Automobil, denn dies ist in meiner Nomenklatur eher eine Definition der Vergangenheit. Wenn wir in Zukunft zur Nachhaltigkeit, verbesserten Verkehrsbedingungen und einer effizienten Automatisierung beitragen wollen, dann dürfen wir eben nicht mehr in solchen Kategorien denken, denn dann gibt es vielleicht schon völlig neuartige Gefährte. Und das war auch unser Grundgedanke beim „Snap“. Aus meiner Sicht, muss man in Bezug auf die urbane Mobilität der Zukunft in Systemen denken, bzw. diese in ein Öko-System einbinden. Und je größer, je breiter ein Öko-System gespannt ist, umso spannender wird es, daran teilzunehmen. Wo Bedürfnisse entstehen, wird es auch jemanden geben, der eine Lösung dafür anbietet. Das sieht man heute z. B. auch beim Online-Handel.


Das Konzept des Rinspeed Snap.

Next Drive: Also wird es dann zum Beispiel unterschiedliche „Snap‘s“ geben, die man unabhängig vom Gedanken der Mobilität für verschiedene Zwecke einsetzen kann? Also könnte man beispielsweise die Karosserie des Fahrzeugs vom Rest trennen und einem ganz anderen Zweck zuführen?

Rinderknecht: Ganz genau. Also die Idee ist eigentlich einen Marktplatz zu Verfügung zu stellen, auf dem jeder den Unterbau, also das Chassis oder auch nur den Überbau des „Snap‘s“ anbieten kann, die dann unterschiedliche Möglichkeiten bieten. Ein extremes – aber doch mögliches – Beispiel wäre zum Beispiel, dass ein Saunahersteller über uns sogenannte „Sauna-Pod‘s“ anbietet. Das heißt, ich könnte mir dann eine private Sauna fürs Wochenende nach Hause bestellen und danach lasse ich sie wieder abholen. Unsere Pod‘s kann man also nicht nur „mobil“, sondern auch immobil nutzen. Und dadurch eröffnet sich wiederum eine völlig neue Dimension städtebaulicher Art. Das heißt, wir integrieren das, was vormals ein Fahrzeug war in die urbane Landschaft. Ein Auto steht im Gegensatz dazu nur auf seinem Parkplatz, verbraucht Platz und verliert dabei auch noch an Wert.

Next Drive: Wie kam Ihnen die Idee zu diesem System?

Rinderknecht: Dafür spielten im Wesentlichen zwei Punkte eine Rolle. Den einen habe ich schon angesprochen. Das war der Wunsch eines Hybrides, den man für unterschiedliche Zwecke nutzen kann. Zum anderen war es eine Entwicklung, die der Automobilindustrie zunehmend Probleme bereitet. Und zwar veraltet die Technik, wie zum Beispiel bei Software zur Stabilisierung kritischer Fahrzustände, Navigationsgeräte oder das Fahrzeugentertainment, immer schneller. Wer hat heute noch ein Kassettengerät oder nutzt zum Musik hören heute noch eine CD? Oder ein Navigationsgerät? Ich zücke heute einfach mein Smartphone und Google Maps wird es in Kürze richten. Und diese Entwicklung wird beim automatisierten, vernetzten Fahren noch weiter zunehmen.

Next Drive: Am 19. April sprechen Sie auf dem Next Drive-Kongress. Was erwarten Sie von der Veranstaltung?
Rinderknecht: Eine Veranstaltung, wie der Next Drive-Kongress, ist natürlich auf der einen Seite eine tolle Gelegenheit, um Ideen und Visionen zu teilen. Auf der anderen aber auch zum Netzwerken und um interessante Menschen kennenzulernen.

Frank M. Rinderknecht ist Chief Executive Officer bei der Rinspeed AG. Er wird auf dem Next Drive-Kongress in Dresden zum Thema „Rinspeed Snap – ein einzigartiges und disruptives
Eco- und Mobilitätssystem“ sprechen.

Mehr Informationen zum Event erhalten Sie in unserem Programm: